Was hat ein Radsportverein mit Fastnacht zu tun ??

 

 

Vorweg ist es wichtig klarzustellen, dass es den Radsport zuerst gab. Die Fastnacht des
Radfahrer-Vereins Finthen ist im laufe der Geschichte erst zur heutigen Größe heran gewachsen. Während der Kampagne wird der Radsport sogar eingeschränkt. Aber die Sportler und Trainer nehmen das sogar in der Zeit der ersten Wettkämpfe gerne in Kauf, denn durch die Einnahmen aus der Kampagne wird der Sportbetrieb mitfinanziert. Der Verein sponsert sich gewissermaßen selbst und kann so den Radsport für Jedermann für einen geringen Vereinsbeitrag anbieten.

 

Erfolgsgeschichte der Radfahrer-Fassenacht

 

Jeweils freitags und samstags konzentriert der Verein an 6 Abenden seine gesamten Kräfte auf das närrische Treiben. Egal ob Büttenredner, Tanz- und Gesangsgruppe, Büttenschieber, Schminkdamen, Bedienungen, Helferinnen und Helfer Im Ausschank, in der Küche, in der Sektbar oder aber beim Aufräumen und Putzen am Tag danach, ausnahmslos. Alle stammen aus den eigenen Reihen des Vereins.
Sie engagieren sich ehrenamtlich und kostenlos im Dienste des RV-Finthen, oft schon Monate im voraus, denn Tanzen will geprobt und Singe geübt sein. Ein Schatz der unbezahlbar ist. Dieser Umstand, die mit 250 Sitzplätzen überschaubare Größe der Halle und die humanen Preise für Speisen und Getränke, sind mit die Garanten die zur Erfolgsgeschichte der Radfahrer-Fastenacht beitragen.

Der eigentliche Erfolg ist jedoch in de urtümlichen Art wie die „Radfahrer“ die Saalfastnacht feiern begründet. Wer sie kennt, der weiß, dass sich die Kappenabende auf das Westliche konzentrieren.
Ein Komitee gibt es nicht, dafür aber den besagten Conferencier, der närrischen Auditorium als Sitzungspräsident durch den Abend geleitet. Die Bühnen ist zwar übersichtlich, aber was auf ihr geboten wird, ist der ganze Grund warum die Sitzungen binnen kürzester Zeit bis auf den letzten Platz und oft darüber hinaus ausverkauft sind und das, obwohl kein einziges Plakat auf die Veranstaltung hinweist.
Nur Mundpropaganda sorgt für die Werbung und sie hat auch dazu geführt, dass der Geheimtipp Radfahrersitzungen längst keiner mehr ist. Ein Kappenabend in der Radfahrerhalle heißt traditionsverhaftete Kokolores-Fastenacht, feinsinniger Humor, Tanz, Gesang, aber auch deftige Ausdrücke und derbe Späße, eben eine gesunde Mischung aus allem.

Radfahrer-Fastenacht ist keine politische, keine die mit erhobenem Finger agiert und für Gäste, die nur des Hochdeutschen mächtig sind, gänzlich ungeeignet. Und dennoch verirren sich immer wieder „Messfremde“ in die Halle, welche die oft erwähnten Orte „Gunsenum“, „Draas“ oder „Finde“ vergeblich auf der Landkarte suchen werden und auch nicht verstehen, warum die Finther lachen, wenn auf der Bühne ein „Schoggo“ veralbert wird. Dennoch lachen sie und freuen sich mit, denn Radfahrer-Fastenacht macht eben einfach Spaß, sowohl dem Publikum, als auch den Aktiven, das spüren beide Seiten und schnell springt der Funke über.

Längst hat sich der Radfahrer-Verein als fastnachtliche Größe einen Namen in Finthen und darüber hinaus gemacht.

 

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Wie alles begann…

 

Aus der finanziellen Krise, welche aus dem überdimensionierte Stiftungsfest 1906 resultierte, lernte der Verein schnell dazu. Ab 1907 organisierte der Verein jedes Jahr auch Veranstaltungen. Diese dienten in erster Linie dem Vergnügen und nur in zweiter Linie dem Sport, die aber im Gegensatz zum Radsport Geld einbringen, um ihn überhaupt finanzieren zu können. Neben der Silvesterfeier gab es auch eine Verlosung. Der Hauptpreis war damals lebendiges Schwein.

Ab 1907 organisierte der Verein auch jährlich zwei Straßenrennen (Herbst- und Frühjahrsrennen),
eine Tradition, die bis in die 50er Jahre fortgeführt wurde. Start und Ziel war das Gasthof „Zum Schwan“ auf der Mainzer Straße, von wo es über Drais, Bretzenheim und dann über die Mainzer Chaussee wieder zurück ging.

Auch eine karnevalistische Abendveranstaltung im Vereinslokal „Jungenfeldscher Garten“, Besitzer Philipp Schäfer, wurde durchgeführt. Zuvor fand eine närrische Rundfahrt auf Rädern durch den Ort statt. Diese Veranstaltung kam offensichtlich so gut an, dass sie 1908 an einem Sonntag 8 Tage vor Fastnacht wiederholt wurde. Im gleichen Jahr wurde eine Gesangsriege zur Einübung „genehmer Lieder“, die beim Fahren gesungen wurden, gegründet. Diese trafen sich zu regelmäßigen Gesangsstunden und trat in den kommenden Jahren auch bei Fastnachtsveranstaltungen und den jährlichen Silvesterfeiern mit Konzert, Ball, Theater und Verlosung auf.

 

Nicht für jedes Jahr sind in den Protokollbüchern närrische Veranstaltungen vermerkt. Definitiv fanden 1912 bis 1914 und 1925 Sitzungen statt. 1928 wurden sogar zwei Sitzungen am Fastnachtssonntag und am Rosenmontag durchgeführt, sonntags zusätzlich sogar mit anschließendem Ball.

1930 ist das erste „Kaffeekränzchen“ für Radfahrer- und Radfahrerinnen verzeichnet. 1933 fand die letzte Sitzung vor dem Krieg statt. Fritz Saumann, der städtische Beigeordnete für Kultur in Mainz, verkündete am 14.12.1933, dass „karnevalistische Veranstaltungen nur noch von karnevalistischen Vereinen mit rein karnevalistischer Zielsetzung abgehalten werden dürften.“ Gegen „die Hochflut der karnevalistischen Tätigkeiten von unberufener Seite wird eingeschritten.“ Insgesamt waren 7 Finther Vereine getroffen. Für den Radfahrerverein bedeutete dieser Erlass und der zweite Weltkrieg das vorübergehende „Aus“ der närrischen Vereinstätigkeiten.

Nachdem 1948 der Verein neu gegründet worden war, wurde bereits am 28ten Februar 1949 wieder ein karnevalistischer Bunter Abend in der Krone durchgeführt. In den folgenden Jahren fanden die Kappenabende im internen Radfahrerkreis im „Kyffhäuser“ in der Kirchgasse statt.

 

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1955 und das 50jährige Jubiläum

 

1955 wurde das 50jährige Jubiläum in größerem Rahmen in der Krone gefeiert. Das Gasthaus wurde zum Stammlokal der Radfahrer und bot durch den angeschlossenen Saal ideale Bedingungen sowohl zum trainieren, als auch zum Feiern.

 

Während die Kappenabende zunächst vereinsinterne Veranstaltungen waren, erfreuten sich die jährlich öffentlichen „Neujahrskonzerte“ umso größere Beliebtheit in der Bevölkerung, obgleich weniger Musik, als vielmehr Theaterstücke zum besten gebracht wurden. Dabei wurde immer zwischen einem ernsten und einem heiteren Stück gewechselt.

1955 fand erstmals nach dem Krieg ein Kreppelkaffee im Kaffee Hitter statt.

Im Übrigen wurden damals Papier – Kappen statt Eintrittskarten ausgegeben und wurden während der Sitzung getragen, daher der Name Kappenabend. Den Damen war die Kappe wegen ihrer Frisuren

unlieb, sie wurden daher immer seltener getragen, bis sie ganz verschwanden.

 

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Das Ende der räumlichen Möglichkeiten in der Krone

 

Der Verein entwickelte sich sportlich und kulturellen Veranstaltungen waren stets gut besucht. Umso bitterer traf es die Radfahrer, als nach einem Besitzerwechsel der Krone 1964 die Säle geschlossen und nur noch als Lager genutzt wurden. Bestand vorher die Möglichkeit die ganze Woche zu trainieren, musste man sich jetzt die Sporthalle in der Volksschule in der Lambertstraße, damals Ludwigsstraße mit anderen Finther Vereinen teilen. Die sportliche Situation verschlechterte sich dramatisch, es musste etwas geschehen.

Am 09.März 1969 wurde im Gasthaus Stein (heute Steins Traube) Friedel Lickhardt zum

1. Vorsitzender gewählt. Geschäftsführer wurde Alois Schmitt. Getreu dem Motto: „Neue Besen kehren gut“, wurde beschlossen eine eigene Halle zu bauen. Das Gelände wurde von der Kirchengemeinde in Erdpacht zur Verfügung gestellt und bereits im Herbst 1969 wurde ausgegraben und planiert. 1970 begann der eigentliche Hallenbau in radfahrertypischen Eigenregie und Eigenhilfe.

Willi Becker und Bauingenieur Karl Niebergall, der für die Planung zuständig war, hatte einen großen Anteil an der Durchführung des Projekts.

 

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Der Anfang in der eigenen Halle

 

1972 war es dann endlich soweit. Pfarrer Heinz Silvester weihte am 13. Januar um 13 Uhr die
Radfahrer-Halle ein. Bereits im gleichen Jahre fand die erste halböffentliche Tanzveranstaltung in den eigenen Räumen statt. Ohne Werbung hatte sich dies schon damals im Ort schnell herumgesprochen. Viele Nichtvereinsmitglieder kamen und hatten ihren Spaß.

1973 fand der erste Kappenabend in der Radfahrerhalle für Mitglieder und Partner statt. Die Halle war „nur“ zu dreiviertel besetzt. Dieses Manko wurde durch die Mundpropaganda wettgemacht. 1974 war der Kappenabend bereits ausgebucht. 1975 war die Nachfrage schließlich so groß, dass zwei Sitzungen durchgeführt wurden. Schon damals stammten die Vortragenden allesamt aus den eigenen Reihen. Selbstverständlich wurde das Ortsgeschehen glossiert, aber auch das Vereinsgeschehen kam zur Sprache. So manche Ehefrau erfuhr erst an einem Kappenabend, dass ihr Mann bei dem einen oder anderen Ausflug über die Strenge geschlagen hatte. Umso bemühter waren die Vereinsmitglieder über das Jahr nicht aufzufallen.

Die Beliebtheit der Radfahrer-Kappenabende nahm kontinuierlich zu, aus der ursprünglich einen, vereinsinternen Sitzung waren 1976 und 1977 bereits drei öffentliche geworden., 1978 dann vier, von 1979 bis 1989 fünf, ab 1990 sechs. Wegen des ersten Golfkrieges 1991 waren alle Veranstaltungen abgesagt worden. 1992 war die Kartennachfrage so hoch, dass eine neunte Sitzung notwendig wurde. An einem Wochenende fanden drei Kappenabende statt. Es war auch das Jahr, an dem die Aktiven an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stießen, weshalb es der Verein seit 1993 bei maximal acht Sitzungen belassen hat.

 

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2005 und das 100jähige Jubiläum

 

Aber nicht nur im Saal, auch auf der „Gass“ ist der Verein aktiv. Die Teilnahme am Finther Zug der Lebensfreude ist stets fester Bestandteil der jeweiligen Kampagne. Die Kostüme dafür werden in mühevoller Handarbeit selbst angefertigt. 2005 stand das Motto voll und ganz unter dem Zeichen des Jubiläums. Die „Radfahrer“ marschierten als „Ehrenjungfrauen“ und „Ehrenmänner“ im Zug mit. Sogar ein eigenes Prinzenpaar – 1. Vorsitzender Volker Lickhardt als Prinz und 2. Vorsitzender Manfred Müller als Prinzessin - konnte aufgeboten werden.

Prinzenpaar und Jubiläum waren auch willkommener Anlass, erstmals in der Vereinsgeschichte am Rosenmontagszug teilzunehmen.

Das Engagement „aller“ Aktiven wird mit einem Helferabend belohnt, der, wie könnte es auch anders sein, in der eigenen Halle unter einem Motto stattfindet. Man genießt das warm-kalte Buffett, trinkt zusammen ein paar Bier, unterhält sich und manche Idee für einen Vortrag oder Sketsch entstehen, denn nach der Kampagne ist vor der Kampagne. Und solange dieses Engagement besteht und das Publikum die Sitzungen besucht, solange wird es die Radfahrer-Fastenacht geben.

 

 

Quelle:
Beitrag von Ingo Schlösser im Vereinsheftchen zum 100jährigem Jubiläum

( + Verfeinerungen von mir, Tina Lickhardt, von den Erzählungen meines Großvater Friedel Lickhardt)

 

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